Sallinger

von Bernard-Marie Koltès

mit Rainer Dobernig, Philipp Dürschmied, Guido Frank, Christoph Gehrlein, Sabine Kölbl, Sonja Redmann, Miriam Seizew, Gudrun Weigand und Daniel Bucher

Regie und Ausstattung: Ovidiu Schumacher

Premiere am 1. Juli 2005 um 20.00 Uhr
 

Fluchtpunkt aller Handlungen und Gespräche ist “Rotfuchs”, von dem es im Stück heisst, er sei ein unflätig, ausgesprochen gut aussehend und ausgesprochen unerträglicher junger Mann. Als einziges Familienmitglied war ihm der Ausbruch aus der Kleinbürgerlichkeit und Enge des Elternhauses geglückt. Nach seiner Rückkehr aus dem Koreakrieg hat er sich in einer Telefonzelle erschossen, und die unerfüllten Sehnsüchte der Hinterbliebenen lassen den Toten zur Projektionsfläche werden. Jetzt, da es ihn nicht mehr gibt, kann der Rotfuchs alles sein: Vorbild, Krieger, Bruder, Freund und Gegner.
Die Eltern Al und Ma, ehemalige Varietékünstler, begreifen ihre Kinder nicht mehr. Ma, die Mutter, dramatischer Blick und große Schürze: Sie gehen hin und her und kommen nicht zur Ruhe. Was soll aus ihnen werden, mit ihren Köpfen da droben, so weit über den Wolken…
Vater Al, Patriot und Kriegsveteran, hat immer ein Glas Whisky in Reichweite, redet euphorisch vom amerikanischen Traum. Rotfuchs Witwe Carole, immer mit dick aufgetragenem Lippenstift , möchte irgendwohin, wo die Menschen möglichst den Tieren ähneln. Der Bruder Leslie, Schauspieler in wehrpflichtigem Alter, will bellen, schießen und aus dem Fenster springen. Leslies Freund Henry stürzt sich von einer Brücke in den Tod, aus Angst vor einem Kriegseinsatz.
Der erste dahergelaufene Ami erklärt dem anderen erstbesten Dahergelaufenen den Krieg, nur weil er sich ein bichen strker vorkommt als er, und alle Disko-Rausschmeißer erklären all denen den Krieg, die nicht zahlen wollen, nur weil sie sich stärker fühlen. Was kommt da in größerem Mastab auf dich zu von den Oberrausschmeißern des grossen Amerikas? (Henry)

Anna, Rotfuchs Schwester, immer am Rand eines Nervenzusammenbruchs, schwelgt in ihren Kindheitsträumen von fernen Ländern, wo die Neger Feuer machen und die ganze Nacht tanzen und wo Schlitzaugen tausend Geheimnisse hüten. Sie lässt sich freiwillig in eine Psychiatrie einweisen
Zwischen Verzagtheit und Hoffnung wechseln die Stimmungen, zwischen Spießerbehaglichkeit, Erlösungstrumen und apokalyptischern Visionen. Die Räume werden zum Gefängnis, das Wohnzimmer mit seinen fest verschlossenen Vorhängen wird zur Bühne, auf der sich die Familie inszeniert, die Figuren drehen sich im Kreis. In diese ausweglose Situation bricht der Vietnamkrieg ein. Ist das der Weg, aus dieser privaten Hölle zu entkommen?
Ich habe es im Radio gehört, es ist offiziell: es geht los, wir kommen wieder, Amerika macht mobil. … da erschauert einem dann plötzlich das Ohr, und es wird einem warm um Herz… – Sie wissen was ich meine – dass es wirklich an der Zeit war, dass der Krieg ausbricht. Alles fängt immer wieder von vorne an. Vietnam nach Korea nach allen anderen, und es hört nicht auf, der ewige Kreislauf des Lebens. (Vater Al)

Bernard-Marie Koltès, 1948 in Metz geboren, 1989, ein paar Tage nach seinem 41. Geburtstag an Aids gestorben, liebte Reisen und Filme. Das Theater kam erst an dritter Stelle. Er bereiste Lateinamerika und vor allem Afrika. Die Spuren des Reisens und der Filme sind in seinem Theater unübersehbar, in den exotischen, abseitigen, anarchischen Schauplätzen: ein nächtlicher Friedhof, ein Schlachtfeld in Vietnam, eine Brücke irgendwo in New York.

“Ich bin nicht einverstanden, wenn man mir vorwirft, ein schäbiges Milieu zu beschreiben. Was ist das, ein Milieu? Mein persönliches Umfeld reicht vom herrschaftlichen Privathaus bis zum Emigrantenwohnheim. Meine Figuren sind verlorene Kleinbürger, sie sind nicht entwurzelt. Wurzeln gibt es nicht. … Meine Wurzeln liegen im Knotenpunkt zwischen der französischen Sprache und dem Blues.” (Koltès)

Sein letztes Stück – “Roberto Zucco” – hat er Peter Stein gewidmet. Es wurde im April 1990 an der Berliner Schaubühne uraufgeführt.

Karten: 08677 / 911154
Vorverkauf: Bürgerhaus, Burghausen (tel.: 08677 – 97400)