Der Bär nach Cechov

mit Nadine KonietznyDaniel BucherStefan Limbrunner

Inszenierung: Malte Wirtz

Künstlerische und pädagogische Leitung: Prof. Dr. Esrig

Es geht um Popowa, eine seit langem viel zu kokett trauernde Witwe, die von Smirnoff, dem groben, plumpen Bären heimgesucht wird und ab diesem Augenblick ihre Triebe nur schwer bremsen kann: Eine Mischung aus Rachsucht an allen, (wie ihr Verstorbener) eher sporadisch treuen Mannsbildern und Gier nach männlicher Bewunderung.
Er reißt alles, was ihm im Wege steht um, doch im Kern ist er eine sensible Seele. Er prahlt mit seiner seit fünf Jahren und für das ganze weitere Leben geplanten Abstinenz von jeglichem Damenkontakt, doch seine Rigorosität wird schnellstens entlarvt.
Der vergreiste Diener Luka, will erst mit allen Mitteln seiner schwerhörigen, langsamen und buckligen Macht einen “Neuen” für die Popowa, doch als der Bär eintritt, will er mit enormen Eifer das Gegenteil.

Die Unterdrückung der Liebesgefühle zum anderen Geschlecht führt zu einem Machtkampf, der sich bis zur Duellforderung steigert. Wobei der Zuschauer den Verdrängungsmechanismus genau verfolgen kann, da Tschechow uns die körperlichen Symptome der Gefühle präzise vermittelt.

Ich will eine extrem körperliche Ausdrucksform der Figuren erreichen, als Charakterisierungsmittel und vor allem um eine wesentliches theatereigenes Mittel zur Geltung zu bringen. So wird es zu clownesken Momenten kommen: In denen ein breitschultriger Bär, mit Schulterpolstern und Orden die ihm eine Spannweite jenseits von einem Meter bescheren, nichts von dem etwas kitschigen und sehr fragilen Mobilar der Witwe am ursprünglichen Platz lässt. In den eine sehr üppig geformte, knapp berockte Popowa eine glaubhaft trauernde Witwe geben muss. Doch eigentlich zieht ihr Körper sie in die Arme des Bären, aber ihr Wille wird sie retten: die Form einer kokett gewundenen Schraube, zwischen Starksein und Trieb, annehmend. In denen ein halbtauber, buckliger Diener mehrere Attentate auf den Bären startet, die jedoch durch seine Langsamkeit scheitern, so dass einmal eine Kerze, ein anderes Mal ein Vodkaglas nicht zwischen den Augen des Bären landen, sondern leider ganz woanders.

Diese Welt strotzt von außergewöhnlichen Kostümen, sonderbar sinnliche Trauerkleider, ungünstig ungepflegte Uniformen, die, bis an ihre Grenzen stoßend, unbeobachtet, sich zu verschönern streben und einer stark verschlissenen Dienerkluft – traurig für noch im hohen Alter ordentliche Personen.

Der Raum ist eine Gruftinszenierung der Popowa, in der aber trotzdem manch ein Spiegel hängt, damit man sich auch aus jedem Winkel gut betrachten kann. Die Einrichtung ist äußerst fragil, alles ist aufgehängt, was für einen Bären das eine oder andere Hindernis ergeben wird. Außerdem ist der verstorbene Gatte immer noch sehr präsent in Form eines riesigen Gemäldes, das ab und zu angeschluchzt werden kann, sich aber im Endeffekt als verstecktes sowie auch sehr praktibales Bett entpuppt.

Glanz und Witz des Körpertheaters – der Biomechanik