Bis zu Heiserkeit und Blutergüssen
“Der Beweis des Gegenteils” von Chiacchiari − Furiose Abschlussaufführung des 4. Schauspiel-Jahrgangs
Burghausen. Die Bühne ist noch dunkel. Während die Zuschauer ihre
Plätze einnehmen, hört man Heinos “Im Wald, da sind die Räuber”, das
Licht geht an – eine fast nackte Bühne, einzig sechs Jalousien warten
darauf, herabgelassen zu werden. Die Absurdität des Stücks “Der Beweis
des Gegenteils” von Olivier Chiacchiari verfolgt den Zuschauer auf
Schritt und Tritt.
Dann eine Szene, wie sie jeder kennt: Nach Feierabend, man hat ein
Bad genommen, sich ein Glas Wein eingeschenkt und will Musik hören – da läutet es. Freunde und
Nachbarn sind draußen – es wird vor einer Gefahr gewarnt, Räuber und Einbrecher kommen in die Stadt.
Man fragt: “Welche Gefahr?” und bekommt zur Antwort: “Wenn du es nicht für Gefahr hältst, bist du gegen
uns.”
Ohne es zu wollen, gerät Sophie (Laurence Schnyder) in einen Teufelskreislauf aus Verdächtigungen,
Intrigen und Manipulationen, in dessen Mittelpunkt das Phantom Theobald steht, mal zum Monster, mal
zum Wohltäter deklariert. Das böse Spiel setzt sich fort, wie man es von einer bürgerlichen Gesellschaft
erwartet. Renate Seifert (Carmen Jahrstorfer) drängt sich mit der Behauptung “Ich habe es gesehen” in den
Vordergrund, ihr Mann Thorsten (Bernhard Schnepf) sucht in Zeitungsartikeln Beweise für haltlose
Verdächtigungen.
Agnes Gauweiler (Laura Becker) als alkoholabhängige Opportunistin und ihr Mann Detlef (Simon
Libuschewski), der seine Seele für einen vollen Teller verkaufen würde, komplettieren die typischen
Kleinstadtcharaktere. Neben derben Klischees baut Chiacchiari auch Bibelstellen ein, um die Mechanismen
kollektiver Missverständnisse zu demonstrieren. Thorsten fordert wie Judas die Auslieferung des
Verdächtigen, um ihm Gelegenheit zu geben, sich ein für allemal zu äußern.
Wie man es von Athanor-Produktionen gewohnt ist, verkörpern die Akteure ihre Rollen mit enormer
Spielfreude und extremem Körpereinsatz. Regisseur Josef Maria Krasanovsky, selbst Athanor-Absolvent,
gelingt es, aus jeder einzelnen Szene Spannung herauszukitzeln. Bewundernswert ist die Artistik des jungen
Teams, die sogar über die komischen Sterbeszenen hinaus gefordert wird. Zwei offene Luken im
Bühnenboden, welche die Schauspieler scheinbar mühelos umtänzeln, treiben den Zuschauer zur
Verzweiflung.
Die Abschlussaufführung des 2013er Jahrgangs verlangt den Schauspielern alles ab – “Heiserkeit und
Blutergüsse, Müdigkeit und Lachergüsse” – wie sich Simon Libuschewski ausdrückte, daher ist der
begeisterte Applaus des Publikums mehr als gerechtfertigt.
− B.K.
PNP 2.2.2012
Athanor lässt die Puppen tanzen
Theaterakademie will Unterrichtsangebot mit Puppenspiel ergänzen
Von Bernhard Furtner
Eine Liebeserklärung an Burghausen ist in dieser Bukarester Zeitschrift zu finden, die Professor David Esrig präsentieren kann.
Burghausen. Die Theaterakademie Athanor auf der Burg hat 40 Unterrichtsfächer im Angebot, für die nicht nur Stammpersonal, sondern auch Dozenten nach Bedarf verpflichtet werden. Jetzt soll ein weiteres Fach hinzukommen: das Puppenspiel. Athanor-Chef Professor David Esrig weiß auch schon, wer der geeignete Lehrmeister in dieser ausgefallenen Disziplin sein wird: Ciprian Hutzanu, Dozent an einer rumänischen Kunst-Universität − “einer der ältesten in Europa”. Im Rahmen eines von der EU geförderten Programms führt der rumänische Puppenspieler-Meister in dieser Woche in seine Kunst ein. Und die Schüler entfalten eine wahre Begeisterung bei der Handhabung der hölzernen Gesellen.
”Bis jetzt gibt es in Deutschland nur zwei Puppenspieler-Schulen. Wir haben die Genehmigung vom Ministerium, eine dritte Schule aufzubauen”, so der Theaterprofessor. Erster Schritt auf dem Weg zum Puppenspieler-Lehrstuhl ist der einwöchige Lehrgang mit Ciprian Hutzanu in dieser Woche. “Ich habe ihn in Rumänien schon bei Kursen gesehen. Was er macht hat Weltniveau”, weiß Esrig. Schauspiellehrerin Gisela Werner fügt schwärmend hinzu: “Es ist die poetische Erweiterung der Schauspielerei”.
Grund zur Freude besteht in der Akademie, die in der Salzachstadt bekanntlich Schauspielkultur auf überaus hohem Niveau anbietet, auch in anderer Hinsicht. “Die Kultusminister-Konferenz der Länder hat festgestellt, dass das Abschlussdiplom unserer Fachakademie juristisch gleichzustellen ist mit einem Hochschulabschluss. Das verbessert die Perspektiven der jungen Leute”, meint Professor Esrig. Der Abschluss an der Burghauser Fachakademie entspricht dem “Bachelor” an der Uni. Im Anschluss können die Studenten an einer Uni ein Masterdiplom und sogar den Doktortitel anstreben. “Wir verhandeln mit dem Ministerium, dass auch in Burghausen das Masterdiplom erreicht werden kann”, spricht der Athanor-Chef bereits die nächste Hürde an.
Die Aktivitäten der Akademie reichen auch als Werbeträger für Burghausen weit über die Bundesrepublik hinaus. David Esrig macht auf eine ganz besonders sympathische Werbung für Burghausen aufmerksam. In Bukarest liegt die Zeitschrift “Profil de Bucuresti” auf, in der der Leser der rumänischen Hauptstadt eine wahre Liebeserklärung an Burghausen entdeckt. Geschrieben hat sie Cristiana Avrila, Teilnehmerin an einem vom rumänischen Staat finanzierten Schauspiel-Lehrgang im Sommer auf der Burg. Die Autorin empfiehlt in einem mehrseitigen bebilderten Artikel eine “Reise nach Burghausen in eine mittelalterliche Welt, an einen Ort, wo die Zeit anders fließt…”.
PNP 26.11.2011
Heiterkeit im Angesicht des Todes
Theaterakademie Athanor beleuchtet die letzten Stunden von Heinrich von Kleist
Burghausen. Heinrich von Kleist erschoss sich am 21. November 1811. In “unaussprechlicher Heiterkeit” sehnte er gemeinsam mit der krebskranken Henriette Vogel angeblich die ewige Ruhe herbei. Die Theaterakademie Athanor holte den literarischen Grenzgänger in der Woche seines 200. Todestages auf die Bühne, beleuchtete seine letzten Stunden am Kleinen Wannsee und warf Blitzlichter auf sein Leben, auf seine Seele, auf seinen Schmerz. Immer greifbarer, immer begreifbarer erhob sich die Person des Heinrich von Kleist aus dem Staub der Geschichte.
Klar und prägnant dringt die Stimme David Esrigs vor dem dunklen Hintergrund eines sparsam mit Projektionen erhellten Bühnenbildes ans Ohr der Zuschauer. Genau sein
ausdrucksstarker Duktus unterstreicht den morbiden Charakter des sehnsüchtig Suchenden. Heinrich von Kleist spürte den “Lebensfunken im Reiche des Todes”. Ihm war auf Erden nicht zu helfen, wie er in einem Brief an seine Schwester bekannte. Mit dem Obduktionsbericht begannen Stefan C. Limbrunner und Andrea Reinbacher ihre Spurensuche. Ganz in Schwarz verlasen sie die deutungsschwangeren Analysen der Mediziner des 19. Jahrhunderts. Die Kopfsäge zerbrach am Schädel Kleists. Sein kranker Gemütszustand wurde mit der “festen Gehirnsubstanz” erklärt. Suizid war geächtet.
Wohl auch deshalb spricht aus den Protokollen zur Befragung des Gastwirts, des Dienstmädchens, eines Tagelöhners vor allem Befremden. Kleist und seine Henriette seien in ihren letzten Stunden “außerordentlich vergnügt” gewesen. “Sie sprangen am See herum und warfen Steine ins Wasser.” Das Bild vom glückstrahlenden, seelenverwandten Pärchen zeichnet sich ab und lebt auf der Bühne auf: Heinrich (Patrick Brenner) und Henriette (Ambra Berger) turteln miteinander am Kaffeetischchen. Ihre fröhliche Zugeneigtheit ergießt sich in wonnigen Kosenamen: “Mein Schmeichelkätzchen, mein Himmelstöchterchen, mein Kristall, mein Leben, mein Tod.”
Aus Briefen, aus Protokollen, aus Zitaten, zusammengestellt von Gisela Werner, puzzeln die zwölf Schauspieler ein Porträt des Heinrich von Kleist zusammen, das gerade im Angesicht des lang ersehnten Todes an Schärfe gewinnt. Doch soll der Dichter und Denker nicht in der Vergangenheit verharren. In einer Fragerunde versetzen ihn Limbrunner und Reinbacher ins Hier und Jetzt und begegnen ihm auf Augenhöhe. “Wären Sie gerne mit Kleist befreundet?” Diese und eine handvoll weiterer Fragen beantworten drei junge Frauen im Publikum und stoßen den Menschen Kleist charmant vom Sockel.
Nach einer Stunde im Glanz eines der meist gespielten und meist gelesenen Autoren der Welt waren die Zuhörer in der ausverkauften Freundlhalle überzeugt, dass sich die Lektüre der Kleistschen Sammlung wieder einmal lohnen würde. Wer sich vorher noch einmal über “Kleist – Tod eines Grenzgängers” informieren möchte, dem sei die Szenische Lesung der Theaterakademie Athanor am Freitag, 25. November, um 20 Uhr in der Freundlhalle empfohlen. Kartenreservierung unter 08677/911154.
− Michaela Resch PNP 24.11.2011
Organisches Wannenbad in der Schachtel
Pausen, Gesten und alles noch einmal: Zu Besuch bei den Schauspielschülern der Athanor Akademie
Von Katharina Wojczenko
Burghausen. Durch diese Tür wird heute niemand gehen. Weiß ist sie und steht frei im Raum, schräg gegenüber eine Stellwand. Blutrot sind die Wände, kühl fällt das Licht von oben herab, draußen geht langsam die Sonne unter. Raum 109 in der Athanor Akademie auf der Burg. Textprobe Shakespeare, Romeo und Julia. An dem langen Tisch sitzen Karina Pele, Eva Gottschaller und Julia Gruber aus dem jüngsten Schauspieler-Jahrgang der Athanor Akademie. Neben ihnen die Dozentenreihe, Florin Vidam, Rainer Dobernig und am Tischende Prof. Dr. David Esrig.
Im Frühjahr führt der Jahrgang einen Abend mit Shakespeare-Szenen auf. Deshalb beschäftigen sich die drei jungen Frauen ein Semester lang mit ungefähr fünf Seiten Text. 400 Jahre ist er alt und von einem Autor, der laut Esrig so dicht schreibt wie sonst nur Kleist. Gespickt mit Doppeldeutigkeiten. Von der getanen Arbeit zeugen die Bleistiftanmerkungen in den Manuskripten vor ihnen, auch heute kommen einige dazu.
Romeo und Julia, erster Akt, dritte Szene. Gräfin Capulet lässt von der Amme ihre Tochter Julia holen, um ihr zu sagen, dass Paris um ihre Hand angehalten hat, so die Handlung. Eva liest die Amme, Julia die Lady Capulet, ausgerechnet, und Karina die Julia. Sieben Sätze spricht Julia in der Szene, ganze zwei davon wird Karina in den anderthalb Stunden heute lesen.
“Allora”, sagt Esrig auffordernd. “Ruft meine Tochter her: wo ist sie, Amme?”, sagt Julia, die Gräfin Capulet. Hoch ist ihre Stimme, eine Spur affektiert. Unweigerlich stellt man sich vor, dass ihre Lady Capulet Lockenwickler zum exquisit geschminkten Gesicht trägt. In der letzten Stunde hat Julia ausprobiert, wie Lady Capulet läuft, wie sie sitzt, ihre ganze Körperhaltung. Nun treffen Gräfin und Amme aufeinander.
“Bei meiner Jungfernschaft im zwölften Jahr, ich rief sie schon”, hebt Eva an. “He, Lämmchen! Zartes Täubchen!” “Rufen Sie sie jetzt wirklich oder zeigen Sie nur, wie Sie schon gerufen haben?”, fragt Esrig. “Wo ist der Hauptgedanke, wo der Einschub?” Und eine Frage zum Textverständnis: “Welche Jungfernschaft ist da gemeint?” “Ja meine!”, sagt Eva, und meint die Amme. Seit zwölf Jahren verwitwet, sie hat deshalb wieder von vorne zu zählen angefangen. “Sie findet, es ist ihre Pflicht, über ihren erotischen Zustand zu informieren”, fährt Esrig fort. Shakespeare fand das komisch. Eva muss das in ihre Stimme, in die Betonungen und Pausen legen. Und dabei nicht ins Bairische fallen. “Noch einmal, bitte”. Esrig wird das noch oft sagen heute.
Andrea Reinbacher hat sicher schon des Öfteren gebadet. Doch vermutlich noch nie in einer Pappschachtel mit Aufschrift “Sales City Sports Made in China”. Im Frühjahr macht die 23-jährige Österreicherin ihren Abschluss und übt dafür im Einzelunterricht diesen Monolog. Eben hat ihre Marianne noch Gift und Galle gespuckt. Nun soll sie ganz entspannt zurückgleiten und in dieser Position im Plauderton die weiteren Einzelheiten des blutigen Nachbarwettstreits erzählen. “Wie Doris Day, die ein Schaumbad nimmt”, ruft ihr Schauspiellehrer Stefan Limbrunner zu. Andrea Reinbacher, die mit zusammengeklappten Beinen gerade einmal in der Schachtel Platz findet, überlegt. Die Kiste raschelt und ruckelt, Andrea fällt langsam nach hinten, eine geringelte Wollsocke erscheint für ein paar Sekunden am oberen Schachtelrand, dann gerät alles ins Rutschen. “Das schaut noch sehr ungalant aus”, sagt sie trocken. “Gibt’s fürs Zurückkommen physisch noch andere Möglichkeiten?”, fragt Limbrunner, “biete mal etwas an”. Fließend sollen die Bewegungen aussehen, “organisch” ist Limbrunners Lieblingswort. “Ja das geht, total organisch geht das”, sagt Andrea in ihrer Pappschachtel.
Für ihren Monolog hat sie zusammen mit Limbrunner die Kurzgeschichte “Weihnachten heißt Schenken” von David Sedaris umgeschrieben und von der amerikanischen Vorstadt in die obersteirische Schachtelsiedlung verlegt. Ihre Marianne hat einen sauberen sozialen Abstieg hinter sich, das ist vom ersten Augenblick an klar. Da sieht man nur die Schachtel. Aus der schiebt sich langsam eine Hand. Eine zweite. Und schließlich, den Haarknödel voran, ihr Kopf. “Wie Christopher Lee, wenn er als Dracula aus dem Sarg steigt”, sagt Limbrunner. “Oh, griaß eich!”, sagt sie dann zum imaginären Fernsehteam, “Jo, i leb in ana Schochtl”. Und dann klärt sich nach und nach, was es mit den Flecken auf ihrem Kleid auf sich hat, und dass die aufgefädelten Popcornkörner um ihren Hals in Wirklichkeit Zähne sind.
Als Andrea Reinbacher sich mit 18 Jahren an der Athanor Akademie bewarb, hatte sie schon eine Ausbildung als Restaurantfachfrau und ein Jahr als Schichtlerin in einer Kabelfabrik gearbeitet. Die Mutter spielte Laientheater, Andrea Reinbacher saß bei den Aufführungen immer stolz im Publikum, spielte beim Krippenspiel die Maria, mehr eigentlich nicht. Ihr Vater pochte darauf, dass sie etwas Vernünftiges lernte. Doch die Sehnsucht nach dem Schauspielen blieb, und die Welt sehen wollte sie auch. Sie kommt aus einem “Minidorf in der Obersteiermark”, gelandet ist sie in Burghausen. Auch Ausland, sagt sie.
Sie wohnt in der Neustadt und hat den Rettungsschwimmer gemacht, um sich am Wöhrsee und im Schwimmbad etwas dazuzuverdienen in der “reichsten Stadt Deutschlands”. Gerade schreibt sie ihren ersten Kabaretttext für einen Wettbewerb. Am Kabarett liebt sie die Tiefgründigkeit und dass es von Dingen handelt, “die gerade passieren und wirklich da sind. Und ich höre lieber einem Kabarettisten zu als einem Politiker”. Noch einmal von ihrer “vernünftigen” Ausbildung Gebrauch machen kommt nicht in Frage. “Ich will nix mehr machen außer Schauspielerei.” Dass sie dafür bis zu zwölf Stunden am Tag in der Akademie ist, nimmt sie wie die drei Studentinnen des neuen Jahrgangs gern in Kauf.
PNP 7. November 2011
Heiteres Sommervergnügen
Athanor Akademie präsentiert „Ein Spiel von Liebe und Zufall“
Amüsante Szenen bestimmen die Handlung
Burghausen. Der 2. Jahrgang der Athanor-Akademie führt ab kommenden Mittwoch das „Spiel von Liebe und Zufall“ unter der Regie von Rainer Dobernig in einem Zelt vor der Akademie auf der Burg auf. Die Besucher dürfen sich in einen hübschen Gartenpavillon des 17. oder frühen 18. Jahrhunderts in Frankreich versetzt fühlen und gerüschte Kleider und rot gepuderte Wangen bestaunen.
Das Thema dieser „Commedia dell’Arte“ nach Marivaux mit Szenen von Molière beschäftigt die Menschen noch heute: Die Suche und das Finden des oder der Richtigen, die spannende obgleich nervenaufreibende Zeit des ersten Kennenlernens und das rechte Maß an Romantik und Gefühlen. Dass wir uns heutzutage wenig um Standesschranken und anderweitige Gepflogenheiten des Werbens Gedanken machen müssen, mag Fluch oder Segen sein. Durchschaubarer ist das Gewirr aus Emotionen und vertauschten Identitäten trotz dieser Regeln im „Spiel von Liebe und Zufall“ beileibe nicht. Die Zofe ist eigentlich die Herrin, der tollpatschige Monsieur in Wahrheit ein „Vorzimmer-Soldat“. Nur die Liebe bahnt sich – Gott sei Dank – ganz standesgemäß und mit einer Prise Zufall ihren Weg und blickt hinter alle Masken. Und wie sollte es anders sein: die Rollen sind in perfekter Besetzung von Lisa Wittemer, Anton Frisch, Verena Fentross, Patrick Brenner, Melanie Schmidt und Katharina Riedl derart amüsant überzeichnet, dass es ein Vergnügen ist, die gackernde Mutter, das gewitzte Zimmermädchen, den gestelzten Diener, den leidenschaftlichen Monsieur und die Contenance bewahrende Tochter aus gutem Hause zu beobachten.
„Ein Spiel von Liebe und Zufall“ besitzt Spannkraft. Viele Dialoge sind ein einziger Schlagabtausch von Worten und Bewegungen. Man ziert sich, man gibt sich hin und dann wieder nicht. All das kommt wunderbar ohne jegliche Lichteffekte und viele Requisiten aus. Das authentische Bühnenbild: Der sommerliche Garten des Burggeländes. „Ein Spiel von Liebe und Zufall“ ist ein heiteres und sorgloses Stück. Genau richtig für den Sommer! − Astrid EhrenhauserPremiere: Mittwoch, 29. Juni um 20 Uhr; weitere Aufführungen: 30. Juni, 1., 2. und 3. Juli jeweils um 20 Uhr; Zusatztermine am 8./9./10. Juli jeweils um 20 Uhr (während des Burgfestes); im Zelt vor der Athanor Akademie.
PNP 28. Juli 2011
Angelockt und abgezockt
Volpone − “lieblose Komödie” über Gier des Menschen
Eine Komödie war und ist ein herrliches Mittel, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Unter dem Deckmantel des Lustspiels können menschliche Abgründe, Unmoral aber auch die Prinzipien und Strukturen eines verlogenen Systems eindrucksvoll an den Pranger gestellt werden. Dies ist auch die Intention des Stücks „Volpone − eine lieblose Komödie“ in der Inszenierung von Marika Rockstroh. Die angehende Regisseurin der Athanor Theater-Akademie feierte am Freitagabend mit ihrer Semesterabschluss-Arbeit Premiere.
Das Originalstück stammt aus der Feder von Ben Jonson (1606), einem Zeitgenossen Shakespeares. Als Vorlage für ihre Inszenierung verwendete Rockstroh die bekanntere, von Stefan Zweig bearbeitete Fassung, die sie noch ein wenig verschlankte und adaptierte. Sie verzichtete dabei auf einige Figuren sowie Szenen und straffte die Aufführung auch zeitlich. Natürlich stellt sich hier die Frage, was dann noch übrig bleibt? Und tatsächlich, das Ergebnis ist eine abgespeckte, aufs Wesentliche reduzierte, typensatirische Komödie mit deutlichen Konturen.
Das Bühnenbild passt vorzüglich zum Stück: eine relativ kleine viereckige Plattform in ca. 2 Metern Höhe, Volpones Schlafgemach, zwei Würfel als Sitzgelegenheit und eine Leiter. Alles ganz in weiß, sogar der Boden und die Stühle fürs Publikum. Nüchterner geht’s wohl kaum für eine lieblose Komödie!
Volpone (Fuchs), herausragend gespielt von Stefan C. Limbrunner, ein ebenso reicher wie raffgieriger Kaufmann in Venedig, setzt das Gerücht seines baldigen Ablebens in die Welt, um dadurch potenzielle Erbschleicher anzulocken. Limbrunner mimt den zynischen Gierschlund perfekt: Geiz und Geldgier blitzen aus den Augen, gewitzt leidet er komödiantisch auf hohem Niveau und siecht je nach Bedarf jammernd dahin. Sein Diener Mosca (Schmeißfliege) ist sein ebenbürtiger Partner in Sachen Betrug und Intrigen, und wird von Patrick Brenner mit großem Können und Ausstrahlung dargestellt. Mit ganzem Körpereinsatz, im Ausdruck differenziert und souverän agiert Bernhard Schnepf als Corvino (Raabe), der seine Frau Colomba an Volpone „verkauft“. Die Figur des Corbaccio (Aaskrähe) besetzte Rockstroh mit Laurence Snyder weiblich. Sie gab die alte Wucherin, die sogar den eigenen Sohn für Volpone enterbt, klapprig-wehleidig, boshaft-gierig − einfach authentisch.
Marika Rockstroh zeigte eine durchaus gelungene Inszenierung mit passender Besetzung und machte aus ihrem Prüfungsstück temporeiches und lustvoll gespieltes Theater. − Livia Takacs
PNP 26. Juli 2011
Improvisation Leben
Chaos auf der Bühne: Der erste Jahrgang der Athanor Akademie zeigte „Was für ein Theater?!“
Burghausen. Wer kennt das nicht: Ein Streit mit dem Freund, eine aufregende Nacht oder eine neue Liebesaffäre. Das Privatleben ist oft alles andere als langweilig. Die Frage ist jedoch, wie man Persönliches und Berufliches trennt − oder ob das überhaupt geht.
Die zehn jungen Schauspieler der Athanor Akademie suchen in ihrem Stück „Was für ein Theater?!“ eine Antwort darauf − und scheitern. Heraus kommt eine turbulente Geschichte, die zeigt, wie die Schauspieler gar nicht erst versuchen, Arbeit und Privatleben zu trennen.
Die Handlung ist schlicht: Im Mittelpunkt steht das Leben der Schauspieler. Was sie jedoch interessant macht, sind die einzelnen Charaktere. Geschickt geben sie mit ihren individuellen Problemen dem Abend die richtige Würze und Humor. Ein Stück im Stück, bei dem der Zuschauer Zeuge einer Theaterprobe wird − mit allen Unterbrechungen und Konflikten.
Mit allen Mitteln versuchen Regisseurin, Regieassistent und Intendantin, mit ihren sieben Schauspielern eine reibungslose Probe auf die Reihe zu bekommen. Da kommen die persönlichen Angelegenheiten gerade recht. Warum auf die Probe konzentrieren, wenn die Mutter, die zu Hause nervt, viel wichtiger ist. Oder warum sich um die anderen kümmern, wenn die persönliche Karriere viel wichtiger ist?
Die einzige, die unter diesen Unterbrechungen leidet, ist die Regisseurin (Svetlana Teterja-Pater). Mit Leib und Seele ist sie ihrem Bühnenstück verbunden. Jedoch scheint eine Probe ohne Pausen und Fehler chancenlos. Da ist der Spontanbesuch der knallharten Intendantin (Ricarda Seifried) eine zusätzliche Belastung. Diese unterbricht nicht nur die Probe, sondern verlangt von den Schauspielern, innerhalb einer halben Stunde ein komplett neues Stück einzustudieren. Zusätzlich schaut auch noch der Autor vorbei, um sich von der ersten Probe selbst zu überzeugen.
Chaos bricht aus. Durcheinander, Hektik und Streit um die Hauptrolle. Zu allem Überfluss will die Regisseurin die Spontanaktion der Intendantin nicht unterstützen. Da muss der von allen ausgenutzte Regieassistent (Raphael Schallegger) die Verantwortung übernehmen − und die Schauspieler müssen improvisieren.
Der erste Jahrgang der Athanor Akademie zeichnet bei aller Ironie ein realitätsnahes Bild vom Spagat zwischen Beruf und Privatleben. Die Alltagssituationen, gepaart mit den typischen Problemen, regen zum Nachdenken an. „Was für ein Theater?!“ zeigt, dass Improvisation manchmal nicht nur auf der Bühne nötig ist.
Dornröschen trifft auf 2011
Athanor-Akademie: „Der Tod und das Mädchen“ von Elfriede Jelinek
Burghausen. …Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende. So kennt man es von den Gebrüdern Grimm. Nein, in dieser Aufführung wird das Märchen geradezu von einer völlig neuen Seite präsentiert. Das Dornröschen in Jelineks Stück muss sich an erster Stelle bewusst werden, wer sie überhaupt ist und welche Rolle der „Prinz“ in ihrem Leben spielt. Zu allem Überfluss trägt die Zerrissenheit der Prinzessin dazu bei, dass das Publikum den fünf Facetten ihrer Persönlichkeit gewachsen sein muss. Von naiv über kämpferisch bis hin zu unsicher, vernünftig und fasziniert. Der Zuschauer kann sich durch die emotionsreiche und mitreißende Darstellung des Abschlussjahrgangs der Athanor Akademie Burghausen vollkommen mit den verschiedenen Charakteren identifizieren. Besonders die thematische Auseinandersetzung mit den Problemen der heutigen Zeit, wie Hektik, Unbeständigkeit und Machtstrukturen regen zum Nachdenken an.
Der Regisseur, Josef Maria Krasanovsky, unterstreicht dabei, dass der Reiz des Theaterstücks vor allem in dem Kampf zwischen Selbstbeherrschung und Determinismus liegt und ist sich dessen bewusst, dass die Inszenierung nicht für Jedermann geeignet ist. „Man muss sich auf solch ein sperriges Theaterstück einlassen können“, pointiert er, „und die Auseinandersetzung mit Jelinek kommt früher oder später“. Auch der „Prinz“ des Stücks, gespielt von Daniel Bucher, ist anfangs charakterlich schwer einzuordnen. Prinz Charming? – Fehlanzeige! Er entpuppt sich als Symbol für Macht und Kontrolle und die damit häufig in Verbindung gebrachte Männlichkeit. Im Zusammenspiel mit den Gemütsrichtungen des Dornröschens, lässt sich die Anspielung auf den noch immer aktuellen Geschlechterkampf deutlich erkennen.
Begleitet von Musik und Tanzeinlagen, können die Schauspielerinnen Rebekka Bachmann, Simone Bartzick, Ambra Berger, Eveline Makrai und Andrea Reinbacher, die Zuschauer durchaus in ihren Bann ziehen und sie ein wenig in die neu interpretierte Geschichte des Dornröschens mitnehmen. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch der Flair des Athanor Theaters, der dem Theaterstück selber den letzten Schliff verleiht. Krasanovsky erklärt, dass man vor allem Burghausen durch das Theater erleben kann und man die Lebensqualität in solch einer bezaubernden Stadt an jeder Ecke spürt. Nicht nur die tiefe Verankerung des Athanor Theaters mit der Stadt, schildert Krasanovsky, sondern auch die gemeinsame Entscheidung der Akademie, Jelineks Stück zu interpretieren, tragen dazu bei, dass Burghausen bereits eine neue Art von Theater anerkennt und den Einwohnern eröffnen kann.
Das Resümee des Abends kann sich sehen lassen. Bei einem vielschichtigen Publikum war die künstlerische Leistung ein voller Erfolg und wurde dementsprechend mit einem kräftigen Applaus zum Ende der Aufführung belohnt. Wer sich auf eine neuartige Form der Theaterdarstellung einlassen möchte, ist bei der Interpretation Krasanovskys gut aufgehoben. Bei solch einem Stück gibt es meist nur zwei Seiten: Lieben oder Hassen. Um sich entscheiden zu können, kann man ganz nach dem Prinzip von Joseph Maria Krasanovsky handeln: „Reingehen, anschauen und sich wundern was die Welt erbringt“. − Nadine Cibu
Letzte Aufführung: Heute, Donnerstag 20 Uhr, Freundlhalle.
PNP 7. Juli 2011
Dornröschen will nicht heiraten
Theater des Athanor-Abschlussjahrgangs von 4. bis 7. Juli in Freundlhalle
„Dornröschen − der Tod und das Mädchen II“ aus den „Prinzessinnendramen“ von Elfriede Jelinek − mit diesem Stück wartet der Athanor-Abschlussjahrgang (Rebekka Bachmann, Simone Bartzick, Ambra Berger, Daniel Bucher, Eveline Makrai und Andrea Reinbacher) am 4., 5., 6. und 7. Juli jeweils um 20 Uhr in der Freundlhalle auf. Regie führt der ehemalige Athanor-Absolvoent Josef Maria Krasanovsky.
Am Anfang scheint alles zu stimmen: Dornröschen schläft (seit 100 Jahren), der Prinz kommt und küsst sie wach – aber danach wird alles anders; Dornröschen lässt sich nicht zum Traualtar führen, auch hat der Prinz ist nicht heiratswillig. Das alte Märchen gerät zur sperrig-komischen Handlung, mutiert zur Sprechoper mit Tanztheater.
Elfriede Jelinek erhielt 2004 den Literaturnobelpreis für „den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit musikalischer Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthalten“.
Josef-Maria Krasanowsky lebt heute als freischaffender Regisseur in Wien. 1999 bis 2003 studierte er Theater-und Filmregie an der Athanor Akademie in Burghausen mit staatlichem Abschluss. Im Jahr 2006 gründete er in Wien das Theater-Ensemble Compagnie Luna, das heute auf Grund seiner starken Bildersprache, der radikalen Mischung von Komik und Tiefgang und der Spezialisierung auf Stückentwicklungen, zu einer der publikumsstärksten und aktivsten freien Gruppen der Wiener Szene zählt. Seit 2007 inszeniert er auch Schauspiel, Oper, Operette und Musical als Gastregisseur an verschiedenen Bühnen und Festivals.
Neben seiner Tätigkeit als Regisseur ist er ebenso als Bühnenautor tätig. Seine Arbeit als Regisseur und Autor des Stückes „Viele gute Dinge kommen aus Reykjavik!“ wurde zu den Theatertagen Heidelberg eingeladen und brachte ihm eine Nominierung für den Jurypreis ein.
Kartenreservierung: 08677/911154, Vorverkauf: Bürgerhaus: 08677/974011, Tourist Info Burghausen: 08677/887140 und Abendkasse.
PNP 1.Juli 2011
Philosophie und Monologe aufgetischt
2. Jahrgang der Athanor-Akademie spielte auf der Burg
Burghausen. Allzu leichte Kost war es nicht, was Melanie Schmidt, Verena Ventross, Lisa Wittemer, Patrick Brenner und Katharina Riedl vom 2. Jahrgang der Athanor-Akademie, ihrem Publik im Theatersaal auf der Burg vorsetzten. Die philosophischen Texte von Friedrich Nietzsche, Karl Krolow, Christian Morgenstern, Rainer Maria Rilke, Ilse Aichinger, Jean-Paul Sartre und Ernst Bloch (Inszenierung Dr. Karin Hutflötz) und Monologe von Ben Jonson, Jean Racine, John Ford, Christopher Marlowe und Terenz (Inszenierung Victor Schumacher) erforderten schnelles Umschalten in extrem differierende literarische Gefühlswelten und Facetten menschlicher Existenz. Die jungen Schauspieler überzeugten durch gekonnten Einsatz stilistischer Mittel − auch den Humor sparten sie nicht gänzlich aus − und trugen so zum Verständnis so mancher Abstraktion bei. Auffallend: Der Tisch geriet immer wieder zum zentralen Objekt der Darstellung, zur Bühne auf der Bühne. – fu / PNP 23. Mai 2011
Abschlussaufführung 2011
Burghausen. 2007 begannen sie ihr Studium an der Athanor-Akademie in Burghausen. Das Studium scheint sich allein unter künstlerischen Gesichtspunkten ausgezahlt zu haben, wie der fulminante Abschlussabend vier Jahre später in der Aula auf der Burg eindrucksvoll bewies. Hier hatten die sechs Absolventen dieses Jahrgangs Gelegenheit, alle Register zu ziehen, sowohl dramaturgisch als auch musikalisch.
Ein begeistertes Publikum erlebte zunächst Monologe aus Schauspielen der Weltliteratur von Oscar Wilde bis Achternbusch − vorgetragen mit spürbarer Leidenschaft, Spielwitz und gegebenenfalls theatralischem Ernst. Allen Gefühlslagen − von der Liebe bis zum Hass, von der Euphorie bis zur tiefen Depression − sind die angehenden Schauspieler Sarah Schuchardt, Michaela Spänle, Tobias Steffen, Michele Haghuber, Johanna Kohlmünzer und Barbara Plamberger absolut gewachsen. Die umfassende und detailreiche schauspielerische Ausbildung kam den Stars des Abends auch bei der professionellen Präsentation der von Peter Hösl am Klavier begleiteten Lieder zugute. Auch hier setzten die Absolventen alle Mittel − Gestik, Bewegung, Ausdruck − bewusst ein. Man kann sie jedem Schauspielhaus empfehlen, die „jungen Wilden“ aus Burghausen. Und der Filmbranche gleich zweimal.
PNP 5.3.11
Eine bewegende Gratwanderung im Angesicht des Todes
Athanor-Abschlussinszenierung : „Visionen nach Shakespeare“
Burghausen. Düstere Gänge, kaltes Licht, Wärter in schwarzen Anzügen und mit Grabesminen. Ein unheimlich trostloser Ort. Die Zuschauer wandeln durch den Gefängnistrakt der Todeszellen. Dann schließlich: Eine Bühne, auf der ein einzelner Stuhl steht und die Einladung der Hinrichtung beizuwohnen erklingt: „Bringt den Verurteilten!“
All das ist Teil einer Inszenierung, welche ihresgleichen sucht. Denn die Abschlussaufführung des Athanor-Studenten Hunor Horváth hat es in sich. Auch wenn sich „Seiltanz – Zwischen Tod und Liebe“ Dialogen und Szenen, sprich „Visionen nach Shakespeare“ und somit des Elisabethanischen Zeitalters bedient, so bescheren doch auch viele sehr moderne Elemente dem Publikum Gänsehaut und Herzklopfen. Diese Aufführung ist kein beliebiges Standard-Stück, sondern lässt gleich zu Beginn erahnen: Einer Begegnung mit dem Tod wird heute niemand entkommen.
Denn die thematisierten Shakespeare-Stücke „Hamlet“, „Othello“, „Romeo und Julia“, „Macbeth“, aber auch „Woyzeck“ von Georg Büchner befassen sich neben Wahnsinn, Liebe und Machtgier genau damit. „Ich wollte die Menschen mit dem Thema „Tod“ konfrontieren, da wir in unserer heutigen Gesellschaft zu wenig davon wissen und wir immer voller Angst und Ehrfurcht auf ihn schauen“, erklärt Regisseur Hunor Horváth. Es geht ihm darum, den Tod durch Kunst verstehen zu wollen. Warum gerade Shakespeare? Er hat die besten Todesszenen. Bei ihm trifft die Liebe gleich auf den Tod. Seine Figuren finden über die Liebe zum Tod. Der Regisseur weiß dabei auch, dass gerade der Gebrauch von originalen Texten es den Zuschauern ermöglicht, die bekannten Zitate durch diese „Collage und Montage“ in einem fremden Kontext neu zu erfahren. Büchners „Woyzeck“ schlägt auch eine Brücke vom klassischen Theater zum neuzeitlich zerrütteten Woyzeck.
Dabei werden Shakespeares und Büchners Sätze derart mit Leben gefüllt – sei es mittels eines oft beklemmenden Spiels von Licht und Schatten, megafonverzerrter Stimmen und natürlich perfektionierter Schauspielkunst. Am meisten beeindruckt die Leistung von Daniel Bucher und Florin Vidamski, welche in einer Art parallelen Doppelbesetzung des Verurteilten derart überragend und authentisch zwischen Macbeth, Hamlet oder Othello wandeln, dass dieses Potpourri zu einem homogenen Ganzen verschmilzt, das ebenso beklemmend wie faszinierend ist.
Nicht nur das anfängliche wahnsinnige Lachen und der leere Blick des Verurteilten oder die mit Masken anonymisierten Geister seiner blutbefleckten Vergangenheit lassen einen schaudern. Auch das geniale Zusammenspiel der einzelnen Werke als Rückblenden und Wahnvorstellungen des auf seine Hinrichtung Wartenden zieht in seinen Bann. Was unübersichtlich hätte enden können präsentiert sich als stimmige Inszenierung. An der Vollstreckung führt kein Weg vorbei. Durch die Last all seiner Sünden mag der Verurteilte ein wahrlich hohes Strafmaß verdient haben und auch selbst ersehnen. Ob dies tatsächlich der Tod sein muss? Zwei knallende Schüsse ersticken derlei Fragen: „Zeitpunkt des Todes: 21.06 Uhr und 23 Sekunden.“ − Astrid EhrenhauserWeitere Aufführungen: 17., 18., 19. und 20. Februar, jeweils um 20 Uhr im Theater in der Freundlhalle, Tittmoninger Straße 17.
PNP 15.2.2011
Die Wahrheit ist eine schwere Kost
Athanor-Regiestudent Victor-Joe Zametzer inszeniert „Kassandra“
Burghausen. Kassandra – einst Priesterin Trojas, mit der Sehergabe gesegnet und mit einem Fluch gestraft: „Du sprichst die Wahrheit, aber niemand wird dir glauben!“ – So hat Apollo ihr prophezeit, als er sie mit dem Wissen um die Wahrheit beschenkte und ihr gleichzeitig die Hände band, es je nutzen zu können. Denn Kassandra, die stolze Königstochter Trojas hatte sich seiner Begierde widersetzt. Doch auch mit Äneas darf sie nicht glücklich werden. Ihr Amt verbietet es. Nicht nur Liebe blieb dieser gebrochenen Frau verwehrt, auch muss sie den qualvollen Untergang Trojas, ihrer Familie und schließlich auch ihrer selbst mit ansehen.
Bei so viel Grauen und Leid verwundert es nicht, dass Kassandra, welche dem Athanor-Publikum im gleichnamigen Stück von dem Regiestudenten Victor-Joe Zametzer als dessen Abschlussmonolog präsentiert wird, eine gebrochene, hoffnungslose und doch immer wieder auch erstaunlich starke Frau ist. Drei Aufführungen präsentierte die Theaterakademie dem Publikum am Wochenende – alles andere als leichte Kost. Beinahe zerbricht Kassandra an der Frage, wie weit man der Wahrheit wegen gehen muss, wie man Unrecht, Hass und Gewalt trotzen kann, wenn man mit seiner Angst und Hoffnung doch ganz alleine ist unter all den machthungrigen „Blinden“.
Kassandra, kein junges und unerfahrenes Ding, sondern eine reife aber erschöpfte Figur, wird dementsprechend passend und sehr eindringlich von Petra Zwingmann verkörpert. Ihre ungewöhnliche, oft atemlos gehetzte Sprechweise, die zunächst irritierend kehlige, beinahe undeutliche Stimme befremden zu Anfang des Stücks ebenso wie auch die Handlung selbst. Der Zuschauer wird mitten hinein in die Geschichten der Kassandra geworfen. Während es der fast ununterbrochene Monolog zuerst erschwert, dem Geschehen zu folgen, entfaltet er sich langsam. Dabei entführt er, unterstützt von dem ergreifenden Klavierspiel der Musikerin und Performance-Künstlerin Laurence Derues das Publikum in die Welt des antiken Griechenlands. Besonders interessant und abwechslungsreich: Die Projektion prophetisch obskurer Sandkritzeleien der Seherin auf eine Wand.
Das karge, in unscheinbarem Beige gehaltene Bühnenbild, das packende Lichtspiel und eine Schicht Sand, die über allem liegt, ergänzen sich perfekt zu der drastisch-anschaulichen Erzählweise der Kassandra. Doch irgendwie will sich so recht kein Mitgefühl mit der eigentlich bedauernswerten, beinahe dem Wahnsinn verfallenen Kassandra einstellen. Hat sie sich ihr Schicksal nicht doch selbst zuzuschreiben? Ist sie nicht vielleicht auch mitschuldig am Tod und Verderben so vieler? Die Fragen bleiben offen, wenn Kassandra zerzaust, wahnsinnig und am Ende ihrer Kräfte prophezeit: „Mit der Erzählung geh ich in den Tod!“ Beinahe zeitgemäß ist dieses Stück um Wahrheit und Lüge, Treue zu sich selbst und Verpflichtungen, gierigem Staatskalkül und klarem Menschenverstand, Triumph und Niederlage. Auch wenn dabei am Ende ein bitterer Nachgeschmack und ein beklemmendes Gefühl von Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit bleiben. – A. Ehrenhauser
PNP 31.01.2011
Seherin Kassandra macht Station auf der Burg
Regiestudent Victor-Joe Zametzer inszeniert am kommenden Wochenende Christa Wolfs Schauspiel
Burghausen. Die Studierenden der Abschlussklasse der Athanor-Akademie präsentieren sich in Inszenierungen bis Ende Februar ein letztes mal dem Burghauser Publikum mit Abschlussmonologen.
Den Anfang macht am kommenden Wochenende, Freitag, 28., Samstag, 29. und Sonntag, 30. Januar, jeweils um 20 Uhr in der Aula der Akademie auf der Burg der Regiestudent Victor-Joe Zametzer mit seiner Inszenierung zu Christa Wolfs „Kassandra“. Die Rolle der Kassandra wird verkörpert durch Petra Zwingmann. Außerdem wirkt die Musikerin und Performance-Künstlerin Laurence Derue mit.
Inhalt: Kassandra, die Tochter des Priamos, König von Troja, und seiner Frau Hekabe, wird von Apollo umworben und mit der Sehergabe beschenkt. Nicht ohne die Bedingung, sich ihm hinzugeben. Kassandra nimmt die Sehergabe an, verweigert sich aber standhaft den Nachstellungen des Gottes.
„Du sprichst die Wahrheit, aber niemand wird dir glauben!“ ist der Fluch, den er ihr auferlegt. Ein einsam machender Fluch.
Kassandra wird Kriegsgefangene im trojanischen Krieg. Ein Krieg, begonnen durch Machtränke und Intrigen. Die Kampfmaschine Achill, die schöne Helena, Agamemnon und Klytaimnestra, Aineas und Hektor, oftmals Täter und Opfer zugleich, stehen für den Wahnsinn eines Krieges, den man hätte verhindern können.
Christa Wolf schildert Kassandra als großartige Geschichtenerzählerin voller Spott und Anteilnahme. Sie lässt Kassandra direkt und poetisch sprechen. Es geht um die Schwierigkeit sich treu zu bleiben, auch wenn man mit seinem Wissen und Ahnungen gegen die vorgegebene Meinung steht.
PNP vom 22.1.2011
