Athanor-Akademie setzt das Chaos des realen Alltags in Szene

Burghausen. Es ist die pure Verwahrlosung: Berge von Müllsäcken, eine spartanisch eingerichtete Einzimmerwohnung, darin eine Couch mit einem Überzug aus Aldi-Tüten, massenweise ungenießbares
Konservenessen, die gebrechliche Oma schiebt sich auf einem umfunktionierten Einkaufswagen durch die klaustrophobische Enge des Lebensraums dreier Generationen. Was den Zuschauern des Stücks „Wir kommen gut klar mit uns“ von Dorota Maslowska, nicht nur durch das präzise gestaltete Bühnenbild, die zum Teil außergewöhnlichen Requisiten sowie mittels der schauspielerischen Leistungen verdeutlicht wird, ist das Leben, oder besser gesagt Nicht-Leben einer polnischen Familie am Rande der Existenz.
Die gebrechliche Oma befindet sich in einer Endlosschleife der Erinnerungen an die Zeit vor dem Krieg und ist in ihrer Vergangenheit ebenso gefangen, wie innerhalb der eigenen vier Wände. Auch ihre Tochter scheint zwischen extremer Entbehrung, aufreibenden Sorgen und tagelangem Schuften als Supermarktverkäuferin lediglich in ihren Traumwelten ansatzweise Erfüllung zu finden. Ihr hypernervöses Kind, das zwar als desinteressiertes, rotzfreches Gör auftritt, aber selbst an den Anforderungen und Unwägbarkeiten der Moderne zu verzweifeln scheint, treibt seine Mutter teilweise regelrecht in den Wahnsinn. Auch das Mädchen muss erkennen: „Wir leben nicht und sterben“.
Auch ein psychedelischer Drogentrip, der wunderbar eindringlich mit passendem Licht und Ton hinterlegt wird, verwirrt das Publikum bei der Suche nach Wahrhaftigkeit. All das wird jedoch so einwandfrei und äußerst kreativ umgesetzt, sei es durch Projektion von Bildern, Reklamen oder der gelungenen akustischen Hinterlegung, dass es zumindest eine Freude ist, dem Spektakel zuzusehen, auch wenn man dabei vielleicht nicht alles verstehen mag. Was ist real, was Fiktion? Virtuelle Identitäten, wie der Wunsch nach einer Transplantation von Körper, Persönlichkeit, Vorfahren, dem Herkunftsland, einfach allem, um sich endlich „wie ein normaler Mensch“ zu fühlen, wirbeln immer mehr Fragen auf und letztlich bleibt die tragische Vermutung, dass doch bloß der Müllhaufen und das Chaos der reale Alltag sind und alles andere Träume und Visionen.
Zum Schluss noch das fulminante “Was wäre wenn”-Szenario mit emporfliegenden Müllsäcken und der Frage, was gewesen wäre, wenn die Oma damals im Krieg tatsächlich bei einem Luftangriff ums Leben gekommen wäre.
– Astrid Ehrenhauser
Weitere Vorstellungen: 23., 24., 25. und 26. September, jeweils um 20 Uhr in der Aula der Akademie, Burg 27b.
PNP 09. September 2010
–> Wir kommen gut klar mit uns von Dorota Masłowska
