Unsere Methode

Das existentielle Theater von David Esrig

Blicken wir auf die vier großen Richtungen des Theaters:

  • kommerzielles Theater (Unterhaltung)
  • kulturelles (Bildungs-)Theater (moralische, religiöse Erziehungsarbeit; Erwerb von Bildung)
  • politisches Theater:
    • grundsätzliches politisches Theater
    • tagespolitisches Theater
    • propagandistisches politisches Theater
  • existenzielles Theater
    • naturalistisches Theater (i.S. des echten, brutalen Naturalismus)
    • experimentelles Theater (die theatralen Ausdrucksmöglichkeiten auslotend)
    • metaphysisches Theater (Artaud)

In allen vier Theaterformen zeigt sich der Gegensatz von anbiedernder, demonstrativer und erlebter Theatralität!

Unser Ziel ist das erlebte und existenzielle Theater.

 Gestalterische Leitprinzipien des existenziellen Theaters sind erstens der Schauspieler und zweitens die Handlung.


Der Schauspieler

Der Mittelpunkt des existenziellen Theaters

Schon bei der Aufnahmeprüfung achten wir auf eine entsprechende Befähigung: auf Sensibilität und Entschlossenheit, existenzielle Fragen schärfer zu fassen und sich ihnen zu stellen. Die gängige schauspielerische Befähigung, oft abhängig auch von der (ganz unterschiedlichen) Vorbildung, ist nicht unbedingt ausschlaggebend.

Worin genau besteht nun die gesuchte schauspielerische Begabung? Kurz gefasst: Die paradoxe Fähigkeit, bei vollkommenem Erleben der Handlung das Bewusstsein des Spielens nicht zu verlieren (vgl. Roger Caillois,  Les Jeux et les Hommes). Denn echtes Erleben ist die Voraussetzung für die Echtheit der dramatischen Darstellung. Die Grundfrage des Theatralischen, die schon Stanislawski gestellt hat, lautet nämlich:
Zielt man auf ein äußerliches Schaufensterarrangement ab, oder aber auf die Gestaltung des Innenlebens des Protagonisten?

Existenzielles Theater sucht natürlich das Letztere, eröffnet aber gerade damit das spannende und oft quälende Problem der überzeugenden und glaubhaften Verkörperung der Figur durch den Schauspieler: Soll die innere Absicht der Figur gestaltet werden, oder aber der äußere Ausdruck dieser Absicht?

Der Schauspieler muss auf jeden Fall die Absicht der Figur unbeirrt glauben. Das ist seine existenzielle Befähigung.

Der Weg dahin führt allerdings nicht nur über den Verstand, und oft bedarf es einer Krise, eines regelrechten Bruchs, um zum Wesentlichen der Figur zu gelangen.

Grundsätzlich gilt: Wie stilisiert auch immer die Inszenierung sein mag, das Erleben der Figur durch den Schauspieler muss echt sein!

 


Die Aktion

Das Grundbauelement des Theaters

Dramatische Texte lesen wir als Handlung und Handlungsanweisung. Sprache ist immer Aktion. Die Handlung entsteht aus den Absichten der Figuren, ihren Motivationen, Strategien und plötzlichen Kurswechseln. Jede Aktion läuft über Schwellen, d.h. über Zäsuren, Brüche, Umschwünge und Neuanfänge.

Die Handlungsanalyse bildet den glühenden Kern des Regiekonzepts, wie auch der Rollenarbeit. Drei schon von Stanislawski aufgestellte Kriterien bestimmen die Analyse der Aktion und, darauf aufbauend, ihre Gestaltung durch den Schauspieler:

  • die Bewertung der Situation, der Sprechhandlung durch die beteiligten Figuren
  • der Weg des Erlebens der Aktion durch den Schauspieler
  • der Weg der Verkörperung der Aktion durch den Schauspieler

Die „Aktion“, verstanden als analytisches und gestalterisches Leitprinzip, hat eine klare methodische Folge: Schauspieler und Regisseur müssen die Bauelemente und Bedingungen der Handlung erforschen und definieren.

Diese Arbeit gliedern wir in einzelne Schritte. Daher setzt sich das Regiekonzept aus einem analytischen Teil zusammen: der Checkliste, und einem gestalterischen Teil: der Spielpartitur. Und so beginne man mit der Checkliste…